Nach dem Rücktritt vom Spitzensport stellt sich auch Timo Allemann den Fragen von Sara Willi.

Sara Willi: Wie geht es dir? Was machst du im Moment?
Timo Allemann: Mir geht es sehr gut, danke. Ich habe mich etwas abgeschottet, indem ich von Zuhause weg bin und drei Monate bei Verwandten auf dem Bauernhof gearbeitet habe. So hatte ich Zeit, um mich wieder an «normale» Arbeitstage anzupassen. Jetzt habe ich frei, danach gehe ich ins Militär in Stans und anschliessend dann für einen Einsatz in den Kosovo.

Beginnen wir von vorne: Wie bist du damals eigentlich zum Judo gekommen?
Meine älteren Geschwister Rahel, Yannick und Adriana haben mit Judo angefangen und ich habe es dann einfach auch direkt gemacht.

Also war es gar nie eine bewusste Entscheidung, sondern du hast später automatisch auch damit begonnen?
Ja. Aber ich wollte natürlich schon immer mitmachen, wenn ich draussen sass und ihnen beim Training zuschauen musste.

Somit hast du auch nie eine andere Sportart gemacht?
Nein, denn ich habe schon im Alter von fünf Jahren mit Judo begonnen.

Hast du auch früh mit Wettkämpfen begonnen?
Das weiss ich gar nicht mehr genau. Einfach ab dem Zeitpunkt, wo es erlaubt war.

Und bist du gerne an Wettkämpfe gegangen?
Ich habe es in erster Linie einfach gemacht, weil es dazu gehörte.

Irgendwann kamst du aber trotzdem an den Punkt, wo du dich entscheiden musstest: Will ich Judo weiterhin als Hobby betreiben oder will ich mehr.
Da habe ich dann von Wil nach St.Gallen gewechselt.

Ab wann war das?
Ab der fünften Klasse ging ich jeweils am Mittwoch in das Fördertraining in St.Gallen. In der sechsten Klasse begann ich dann, ins Training für die Erwachsenen zu gehen. Und als ich dann in die Sekundarschule kam, war es klar, dass ich diese in der Sportschule Blumenau in St.Gallen absolvieren würde.

Dann bist du sozusagen dadurch, dass du in St.Gallen trainiert hast, ins Regionale Leistungszentrum «hineingerutscht»?
Genau. Ich gehörte zu den ersten Judoka des RLZ, das von Marcel Burkhard geleitet wird.

Kann man diesen Wechsel ins RLZ also als einen Wendepunkt beschreiben?
Ja, schon. An meiner ersten SEM habe ich zwar noch verloren, konnte mich aber in den darauffolgenden Jahren weitgehend auf dem Podest halten. Da fing es für mich dann auch an mit dem Nati. Da ich im RLZ war und gute Resultate erbrachte, durfte ich schon früh mit dem Nationalkader an internationalen Wettkämpfen und Trainingslagern teilnehmen.

Dein Trainingsaufwand war ab deinem Beitritt zum RLZ dann natürlich auch viel höher.
Ja, klar. Wir hatten von Montag bis Samstag fast jeden Abend Training, mittwochs und donnerstags auch jeweils am Morgen.

Du hast ja permanent weitergemacht mit den Wettkämpfen. Hat sich hier auch etwas für dich geändert? Dass Wettkämpfe mehr zur Normalität wurden?
Ja. Zwar bin ich all die Jahre immer nervös vor Wettkämpfen gewesen, das hat sich nie geändert. Aber Wettkämpfe gaben mir auch einen Sinn im Training, schliesslich geht man ja für etwas trainieren. Das hat man auch jetzt in der Corona-Zeit gesehen: Wenn du trainierst, aber keine Wettkämpfe vor Augen hat, ist es, als würdest du für nichts trainieren. Das ist etwas, was ich nie gerne gemacht habe: Einfach nur ins Training gehen, damit ich da war. Für die Fitness oder was auch immer. Ich habe immer den Nutzen gesucht, und der lag bei den Wettkämpfen.

Du hast also die Oberstufe an der Talentschule in St.Gallen absolviert und danach eine vierjährige Sportlerlehre in der Firma Bühler gemacht. Wie war diese Zeit für dich?
Die Firma Bühler hat mir alles offeriert. Sie haben mir das Ganze eigentlich erst ermöglicht, denn es ist in vielen Lehren oder weiterführenden Schulen nicht selbstverständlich, dass man seinen Sport so intensiv ausüben kann. Ich musste einfach die Leistung in der Schule und im Betrieb bringen, dann durfte ich auch alle Trainings, Turniere und Lager machen. Oft war ich sogar mehr weg als in der Firma.

Aber war es eine gute Zeit für dich?
Ja. Es war sicher sehr streng, aber man war immer gut ausgelastet. Ich glaube, das war für mich am besten. Dass ich immer nach dem Judo zurück in die Firma gehen konnte, um zu arbeiten und nicht einfach «nichts» zu tun hatte. Es war für mich ein sehr guter Ausgleich.

Der nächste entscheidende Schritt für dich war ja dann, dass du ins Nationale Leistungszentrum in Brugg gewechselt hast.
Mitglied blieb ich im RLZ, ich habe einfach meinen Trainingsort nach Brugg verlegt.

Was hat sich dort vom Training her für dich nochmals geändert?
Es war Eliteniveau. Die Trainings waren intensiver und härter. Brugg ist ja der Trainingsort, wo die besten Judoka der Schweiz zusammenkommen. Dort waren dann ja auch die Nationaltrainer der Elite anwesend.

Du hast aber immer in Wil gewohnt und bist gependelt?
Ja, genau.

War das nicht auch ein ziemlicher Aufwand?
Ich kann es gar nicht so genau sagen. Ich glaube, oft hat es mir auch gutgetan, dann so war ich nicht immer nur ums Judo herum, sondern hatte auch etwas anderes. Ich habe das gebraucht, denn es wäre für mich nicht möglich gewesen, nach Brugg zu ziehen.

Die Karriere von Timo Allemann:

Wie du schon gesagt hast, hattest du sehr viele nationale sowie internationale Wettkämpfe und Trainingslager im Jahr. Gab es bestimmte Events, die eine besondere Bedeutung für dich hatten?
Ein Trainingslager, das mir immer sehr positiv in Erinnerung geblieben ist, war jenes in der Mongolei. Und das erste Camp in Japan. Japan wurde dann irgendwann zur «Normalität», weil wir da öfters hingingen. Das Training in der Mongolei aber war einzigartig und wirklich sehrsehr toll gewesen. Kulturell und von der Unterkunft her, wo man sehr einfach wohnte. Es war sehr eindrücklich. Das war auch mein erstes grosses Trainingslager mit dem Elitekader. Ich war damals noch U21.

Wart ihr da hauptsächlich in der Hauptstadt Ulaanbaatar?
Nicht nur, wir reisten auch in die Wüste Gobi. Zwei Wochen waren wir insgesamt dort. Ohne Internet!

Wenn du auf deine Judo-Karriere zurückblickst: Gab es einen Moment, der dir besonders positiv in Erinnerung geblieben ist?
Nicht spezifisch. Das meiste war immer sehr toll. Besonders bei internationalen Trainingslagern, wo so viele Nationen zusammenkommen und so viele Kulturen aufeinandertreffen, das war immer sehr spannend. Ich denke, das ist nicht bei allen Sportarten selbstverständlich und im Judo gehört es einfach dazu. Das war sehr toll. Es war immer ein wenig wie eine eigene Welt, in der du dich bewegst.

Was waren Herausforderungen, mit denen du oft kämpfen musstest?
Grundsätzlich bin ich nicht sehr technikversiert, dementsprechend waren Techniktrainings manchmal herausfordernd. Ich brauche immer länger, bis ich etwas verstehe und auch umsetzen kann. Der Rest war eigentlich einfach immer Routine: Du gehst ins Training, an Wettkämpfe, in Lager.

Die meisten Athleten durchleben auch schwierige Phasen, wo beispielsweise die Motivation fehlt. Wie war das bei dir? Wie bist du damit umgegangen?
Ich habe mir einfach gesagt, dass es wieder weggehen wird. Aber das war schlussendlich auch der Grund, warum ich aufgehört habe. Wenn man keine Freude mehr am Trainieren hat, sollte man aufhören.

Du hast viele Erfolge gefeiert, musstest aber auch mit Niederlagen zurechtkommen. Hast du hier auch einfach immer weitergemacht?
Es geht, ich habe mir schon oft Gedanken gemacht. «Nächstes Mal geht’s besser» war nicht so mein Stil. Es hat mich jedes Mal sehr beschäftigt, wenn etwas nicht geklappt hat. Natürlich ist es normal, dass mal etwas in die Hose geht. Aber ich war oft auch enttäuscht und konnte es nicht einfach wegstecken. Da habe ich mir vermutlich zu viel den Kopf zerbrochen.

Wenn wir nochmals kurz auf deinen Rücktritt zu sprechen kommen, kann man sagen, dass es für dich einfach nicht mehr gepasst hat?
Genau. Die EM wollte ich eigentlich noch machen, ich habe mich ja auch dafür qualifiziert. Aber jetzt wurden ja aufgrund des Virus alle Events verschoben. Ich wollte nicht mehr im Ungewissen trainieren, da mir, wie gesagt, die Motivation gefehlt hat. Also musste ich mich entscheiden, was mir mehr wert ist. Ich bin zum Schluss gekommen, dass nun einfach der Zeitpunkt gekommen ist, wo ich aufhören muss. Weil, wenn ich es jetzt nicht mache, weiss man auch nicht, was danach passiert. Und bis jetzt bereue ich meinen Entscheid überhaupt nicht.

Wie geht es jetzt weiter für dich? Was sind deine künftigen Ziele?
Mein Ziel wäre es, im Berufsmilitär zu arbeiten. Ich habe nun die Stelle bei KFOR erhalten. Ende Juli kann ich in Stans eine zweimonatige Ausbildung absolvieren und für ein halbes Jahr in den Kosovo gehen. Ich freue mich sehr darauf.

Und wird man dich auch in Zukunft noch auf der Tatami antreffen?
Sicher! Ich werde auch immer noch für unsere Herrenmannschaft kämpfen und vielleicht auch an einigen nationalen Turnieren.

Was würdest du jungen Judoka weitergeben, die ebenfalls Spitzensportler werden wollen?
Ich glaube, Durchhaltewille ist das Wichtigste. Man sollte, wenn man etwas anfängt, dies auch durchziehen. Und wenn man trotzdem irgendwann merkt, dass es nicht passt, muss man sich das auch eingestehen können.

Vielen Dank für das Interview, Timo. Wir wünschen dir auch für die Zukunft viel Erfolg auf deinem Weg!

Interview und Grafik: Sara Willi
Bild: European Judo Union (EJU)