Nachdem Carina Hildbrand dieses Jahr ihren Rücktritt vom Spitzensport bekannt gegeben hat, blickt sie nun in einem Interview auf ihre Judokarriere zurück.

Sara Willi: Wie geht es dir? Was machst du im Moment?
Carina Hildbrand: Mir geht es sehr gut. Momentan geniesse ich meine freie Zeit, ich arbeite nur zwei Tage die Woche. Neuerdings kann ich an jedem Familienfest oder an Festen mit Freunden teilnehmen, wie es für andere normal ist. Sport mache ich einfach, wenn ich Lust dazu habe und ich gehe gerade auch gerne wandern.

Beginnen wir von vorne: Wie bist du damals eigentlich zum Judo gekommen?
Ich war in der Jugi (Turnverein) und gehörte nicht zu den Besten. Dementsprechend wurde ich auch nicht genug gefördert, das war mir dann zu langweilig. Mein Bruder war schon im Judo und an einem Familienschnuppertag hab ich das dann auch für mich entdeckt und ins Judo gewechselt.

Hast du früh mit Wettkämpfen begonnen? Was hat dich motiviert, an Wettkämpfen teilzunehmen?
Ich habe ziemlich schnell schon mit Wettkämpfen begonnen, ich war ja auch schon 8 Jahre alt, als ich mit Judo begonnen habe. Ich mochte es schon immer, zu gewinnen. Wie meine Mama gerade gesagt hat, bin ich nie aus Spass hin, sondern immer nur, um zu gewinnen.

Irgendwann kamst du an den Punkt, wo du dich entscheiden musstest: Will ich Judo weiterhin als Hobby betreiben oder will ich mehr. Wann hast du dich dazu entschieden, Judo auf Leistungs- und später auf Spitzensport-Niveau zu betreiben?
Meinen Trainingsaufwand habe ich kontinuierlich erhöht. Als ich dann die Lehrstelle bei der Bühler AG hatte, habe ich schon während der Sekundarschule mit den Morgentrainings begonnen, während meine Klasse Kochunterricht hatte. Für den Spitzensport habe ich mich dann ca. 1,5 Jahre nach dem Lehrabschluss entschieden, da ich realisiert habe, dass ich ans nationale Leistungszentrum wechseln muss, wenn ich weiter Fortschritte machen will.

Wie hat dein Beitritt zum Regionalen Leistungszentrum SG-TG-AR deine Judokarriere verändert?
Nach dem Beitritt zum RLZ habe ich nochmals einen riesen Schritt gemacht, wurde ins Nationalkader aufgenommen und erst dann ging es mit dem Leistungssport richtig los.

Um deinen Sport mit deiner Ausbildung zu vereinen, hast du eine Sportlerlehre in der Firma Bühler gemacht. Wie blickst du auf diese Zeit zurück?
Im Nachhinein ist es mir ein Rätsel, wie ich Judo, Ausbildung und Berufsmaturität alles unter einen Hut gebracht habe. Dass von der Bühler AG alles sehr gut organisiert war, hat sicher dazu beigetragen. Zudem bin ich in dieser Zeit zu einem Organisationstalent geworden. Vor manchen Europacups habe ich nebst dem Koffer auch noch meine Schultasche gepackt und bin dann direkt vom Flughafen in die Schule, wo meine Mama mit mir die Tasche getauscht hat.

Du hast viele Jahre im RLZ trainiert, bevor du ins Nationale Leistungszentrum Brugg gewechselt hast. Wie war dieser Übertritt für dich? Was hat sich verändert?
Die neuen Trainingskollegen habe ich ja bereits von den Turnieren und Trainingslagern gekannt, deshalb wurde ich schnell aufgenommen. Der Trainingsaufwand hat sich fast nochmal verdoppelt, wodurch ich anfangs schon müde war. Der Körper braucht halt ein bisschen Zeit, um sich darauf einzustellen. Daneben musste ich noch viel selbständiger sein, ich hatte meine erste eigene Wohnung, wo selbst geputzt, gewaschen und gekocht werden musste. Zudem war ich anfangs noch auf Jobsuche.

Du hast jedes Jahr etliche Wettkämpfe und Trainingslager auf nationaler sowie internationaler Ebene bestritten. Gab es bestimmte Events, die eine besondere Bedeutung für dich hatten?
Das Speziellste für mich war ganz klar die Junioren WM in Fort Lauderdale (Miami). Ich war die einzige Athletin und nur mit Marcel Burkhard unterwegs. Wir waren einige Tage davor schon angereist, um uns zu akklimatisieren. Mein Papa und mein Gotti kamen ein paar Tage später, um mich anzufeuern. Ansonsten freute ich mich immer auf Turniere und Trainingslager, die an schönen, interessanten Orten waren.

Wenn du auf deine Judo-Karriere zurückblickst: Was war der schönste Moment (oder einfach ein Moment, der dir besonders positiv in Erinnerung geblieben ist)?
Da ich, wie bereits erwähnt, sehr gerne gewinne, waren bestimmt immer die ersten Medaillen auf einer neuen Stufe besonders. Erst Kantonalmeisterin, dann Ostschweizermeister, Schweizermeisterin, dann auf Europacup und Weltcup Niveau. Daneben gab es sicher einige lustige Momente, die wir im Team hatten.

Die Karriere von Carina Hildbrand:

Hattest du im Judo Vorbilder, die dich motiviert haben?
Aktive Athleten hatte ich keine als Vorbilder. Für mich war Aleksei Budolin, mein Haupttrainer in Brugg, viel mehr ein Vorbild. Wie er trotz erfolgreicher Judokarrriere sehr bescheiden ist. Er ist auf und neben der Matte ein Vorbild.

Deine Zeit als Spitzensportlerin war intensiv und nicht immer leicht. Was waren Herausforderungen, mit denen du zu kämpfen hattest? Wie bist du mit ihnen umgegangen und was hat dich bewogen, nach Enttäuschungen trotzdem weiterzumachen?
Ich denke, was mich nach Enttäuschungen immer wieder angetrieben hat, ist das Wissen oder die Überzeugung, dass ich das besser kann. Verletzungen sind sicher immer wieder eine Herausforderung, neue Wege zu finden um trotzdem zu trainieren, oder gegen den Willen der Vernunft zu folgen und einmal zuhause bleiben. Allgemein gibt es immer wieder Tiefs, wo man einfach durchbeissen muss.

Während deiner Judokarriere hast du an vielen wichtigen Wettkämpfen (unter anderem auch an der EM und WM) teilgenommen. Hast du oft Druck auf dir verspürt?
Ja, dies war leider mein grösstes Problem. Den Druck, denn ich mir immer selbst gemacht habe, hat mich an einigen Erfolgen gehindert. Im Nachhinein hätte ich mehr Gewicht auf Mentaltraining setzen sollen.

Judo ist ein Weltsport, dementsprechend bist du auch viel gereist: Von Europa, Amerika über Asien bis Australien. Wie war es für dich, so viele verschiedene Orte, Kulturen und Menschen kennenzulernen?
Auf die eine Seite war es sehr schön, auf die andere Seite haben wir leider oftmals nicht viel mehr als das Hotel, die Halle und den Flughafen gesehen. Trotzdem hatten wir manchmal einen tieferen Einblick, da wir mit Einheimischen trainierten. Im Urlaub hat man ja nicht unbedingt Kontakt mit Ihnen. Zudem sind die Athleten an den Turnieren ja immer wieder dieselben, da konnte man schon einige Freundschaften schliessen.

Nun hast du dich für einen Rücktritt aus dem Spitzensport entschieden. Was hat dich zu diesem Schritt bewogen?
Als ich realisierte, dass ich die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio nicht packen werde, musste ich mich entscheiden, ob ich nochmals vier Jahre bis zu den Olympischen Spielen in Paris weitermachen werde. Der grosse finanzielle Aufwand ist mir das aber nicht mehr wert.

Wie geht es jetzt weiter für dich? Was sind deine künftigen Ziele und Träume?
Im Oktober werde ich mit der Polizeischule starten. Ich habe das Aufnahmeverfahren der Kantonspolizei St. Gallen bestanden. Polizistin zu sein war schon mein Kindheitstraum. Diesen werde ich mir jetzt erfüllen.

Wird man dich auch in Zukunft noch auf der Tatami antreffen?
Selbstverständlich wird man mich auch in Zukunft noch auf der Tatami antreffen. Ich werde dem Damenteam weiterhin erhalten bleiben.

Was würdest du jungen Judoka weitergeben, die ebenfalls Spitzensportler werden wollen?
Wie es mir Davis schon weitergegeben hat: Mache es, solange es dir Spass macht und es für dich stimmt.

Vielen Dank für das Interview, Carina. Wir wünschen dir auch für die Zukunft viel Erfolg auf deinem Weg!

Interview und Grafik: Sara Willi
Bild: Benar Baltisberger